Recommended Reading: Meine Top 5 Bücher zum Thema Klimawandel

Es ist gar nicht so einfach, sich fundiert eine Meinung zum Klimawandel und zur Klimapolitik zu bilden: Eine Suche nach Büchern unter dem Schlagwort „Klimawandel“ auf amazon.de ergibt schlappe 6.328 Ergebnisse, diejenige nach „climate change“ auf amazon.com immerhin 38.211. Nach der Vorsortierung von Amazon zu gehen, führt auch nicht sehr weit: Auf Platz 3 (in Worten: drei) der deutschsprachigen Ergebnisse findet sich gleich mal das Buch „Klimawandel – Wahn und Wirklichkeit: Wie eine angeblich alternativlose Energiepolitik in einer Sackgasse endet und der klimapolitisch begründeten Abzocke der Bürger dient“ (trotz des knackigen Titels überraschenderweise nicht im Kopp-Verlag erschienen). Hier ist eine Lösung: Vor-lesen lassen. Das habe ich gemacht und präsentiere hiermit meine Top 5 der Bücher zu den Themen Klimawandel und Klimapolitik:


Platz 5: Klimafakten

51pnrnhkyil

Sven Plöger/Frank Böttcher (2015): Klimafakten. Frankfurt a.M.: Westend Verlag.

Was kommt heraus, wenn zwei Wettermoderatoren – die ja von Berufs wegen hyperaktiv sein und unterhaltsam formulieren müssen – ein Buch über den Klimawandel schreiben? Genau das: ein hyperaktives, unterhaltsames, aber zugleich informatives Kompendium über so ziemlich alles, was Einem in Zusammenhang mit dem Klimawandel einfällt. Die Autoren springen in 30 (!) Kapiteln von den wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaforschung zur Klimaskepsis, zur Politik, zu aktuellen Wetterereignissen (kalte Winter, Stürme, Hitze, nochmal Stürme), zum Artensterben, zu den schmelzenden Eismassen und schließlich zu einem Aufruf zum besonnenen Handeln. Bei der Lektüre wird deutlich, dass der fachliche Schwerpunkt der Autoren auf dem Gebiet der Meteorologie liegt: Die entsprechenden Abschnitte wirken wesentlich fundierter als etwa diejenigen zu Anthropologie, Biologie und Politik. Der Glaubwürdigkeit des Buches nutzt, dass die Autoren stets auf eine realistische Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen der Klimaforschung und Meteorologie achten.

Dieses Buch ist Ihnen zu empfehlen,

  • Wenn Sie sich grundlegend über Klima und Wetter und die Auswirkungen des Klimawandels informieren wollen.
  • Wenn Sie unsicher sind, ob es den Klimawandel denn überhaupt gibt.
  • Wenn Sie schon immer mal wissen wollten, was der Unterschied zwischen einem atlantischen Sturmtief und einem Hurrikan ist.
  • Wenn Sie nach Argumenten suchen, mit denen Sie „Klima-Skeptiker“ überzeugen können (Kleiner Tipp: Vergessen Sie’s!).

Dieses Buch ist Ihnen nicht zu empfehlen,

  • Wenn Sie die Basics schon kennen und gerne mehr über einzelne Themenbereiche erfahren möchten.
  • Wenn Sie gerne einen durchgängigen roten Faden bei Ihrer Lektüre haben.

Platz 4: Climate Change. What Everyone Needs to Know

51a-mulrzcl

Joseph Romm (2016): Climate Change. What Everyone Needs to Know. Oxford: Oxford University Press.

Der Untertitel ist Programm: Joseph Romm, Physiker und Gründer des Blogs Climate Progress, wird seinem Ruf als Klima-Kommunikator gerecht und liefert hier ein Buch, das wirklich für everyone gedacht ist. In einfacher Sprache werden entlang einer klar erkennbaren Systematik die wichtigsten Zusammenhänge zum Klimawandel, seinen Folgen und seiner Bekämpfung dargestellt. Der Autor hangelt sich dabei an einfachen Fragen entlang, wie zum Beispiel: „How does climate change affect wildfires?“ oder „What is biodiversity and how will climate change impact it?“. Nach einem Überblick über die grundlegenden Mechanismen des globalen Klimas widmet sich Romm zunächst allgemein dem Zusammenhang zwischen Klima und Wetter, bevor er auf die prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels im Detail eingeht. Der zweite Teil des Buches widmet sich dann vollständig den Möglichkeiten, die globale Erwärmung noch abzubremsen, wobei  den Möglichkeiten „sauberer“ Energien dabei die größte Aufmerksamkeit zuteil wird. Was dabei ein wenig zu kurz kommt, ist die Anpassung an bereits unvermeidliche oder wahrscheinlich zu erwartende Folgen des Klimawandels. Das Buch schließt mit einigen Ausführungen zu „Climate Change and You„; dabei geht es nicht nur um die unumgänglichen Ratschläge für einen nachhaltigeren Lebensstil, sondern vor allem darum, welche Konsequenzen der Klimawandel für unser aller Alltagsleben haben wird oder bereits hat.

Man merkt dem Buch an, dass es als Entgegnung an eine wachsende Zahl von Klimawandel-Leugnern in den Vereinigten Staaten geschrieben wurde; immer wieder weist Romm darauf hin, dass die menschliche Urheberschaft des Klimawandels von der weit überwiegenden Mehrheit der Experten nicht bezweifelt wird. Dennoch ist das Buch sowohl als Leitfaden für absolute Klima-Analphabeten als auch als Nachschlagewerk für bereits etwas bewandertere Zeitgenossen gut geeignet. Anhand des detaillierten Inhaltsverzeichnisses findet sich schnell der Detailaspekt, den man sucht. Einziger Nachteil: Die Übersichtlichkeit leidet etwas darunter, dass das Verzeichnis alle Einzelfragen ausformuliert auflistet.

Dieses Buch ist Ihnen zu empfehlen,

  • Wenn Sie selbst Zweifel daran haben, dass der Klimawandel menschengemacht ist.
  • Wenn Sie einen schnellen Überblick über Zusammenhänge bekommen oder einfach einzelne Fakten kurz nachschlagen wollen.
  • Wenn Sie einen fundierten Überblick über die Möglichkeiten des Klimaschutzes erhalten möchten.

Dieses Buch ist Ihnen nicht zu empfehlen,

  • Wenn Sie sich detailliert über die Wirkungszusammenhänge zwischen Treibhausgasemissionen und globaler Erwärmung informieren wollen.
  • Wenn Sie sich für die Möglichkeiten der Anpassung an die Klimafolgen interessieren.

Platz 3: Die Arktis – Porträt einer Weltregion

braune-die-arktis

Gerd Braune (2016): Die Arktis. Porträt einer Weltregion. Berlin: Christoph Links Verlag.

Wenn es eine Großregion gibt, die geradezu emblematisch für den Klimawandel steht, dann ist das die Arktis: Der Eisbär auf einer einsam treibenden Eisscholle ist zum Symbolbild der globalen Erwärmung geworden, in keiner Aufzählung der Folgen des Klimawandels darf der Meeresspiegelanstieg fehlen, der sich aus dem Abschmelzen des grönländischen Eisschildes ergibt, Jahr um Jahr erscheinen die Satellitenaufnahmen der schrumpfenden Eisdecke in Zeitungen und Fernsehnachrichten. Sehr viel mehr dringt meist nicht durch – weder über die Folgen des Klimawandels, noch über alles andere, was einen sonst an einer Region interessiert: Natur und Kultur, Land und Leute. Gerd Braune, der als Journalist in Kanada lebt und sich seit Jahren mit der Arktis befasst, hilft hier auf lesenswerte Weise nach. Hinter dem etwas spröde daher kommenden Untertitel „Porträt einer Weltregion“verbirgt sich eine spannende, wenn auch nicht erheiternde, Geschichte, die durchzogen von Anekdoten von persönlichen Erlebnissen und Erzählungen alle wissenswerten ökologischen und ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Bereiche abdeckt.

Der Klimawandel taucht zwar nur im ersten Kapitel in der Überschrift auf, durchzieht aber das ganze Buch als eine Art Leitmotiv – in wohl keiner anderen Weltgegend spüren die Menschen (und Tiere) die Veränderung des Weltklimas so drastisch in ihrem alltäglichen Leben wie in der Nordpolarregion. Fast vier Millionen Menschen leben in der Arktis, etwa ein Zehntel von ihnen Angehörige indigener Völker, deren Geschichten ebenso Gegenstand des Buches sind wie die ökonomische Erschließung und das „Wettrennen“ um die Rohstoffe der Arktis. Spätestens hier wird eine geopolitische Dimension des Klimawandels deutlich, die wir nicht immer auf dem Schirm haben: Der Rückzug des Eises macht die Region interessant für Machtansprüche verschiedenster Art. Der vermutete Rohstoffreichtum bietet Anlass für territoriale Streitigkeiten, es fallen Begriffe wie „Sicherung der Souveränität“, „Truppenpräsenz“ und „militärische Reaktionsbereitschaft“. Nach einem Exkurs zur zukünftigen Bedeutung der Nordwest- und Nordostpassage für den Welthandel (angesichts der geringen Vorhersagbarkeit der Eisstärke eher gering) schließt Braune mit einem Ausblick auf die „Zukunft des zirkumpolaren Raums“.

Dieses Buch ist Ihnen zu empfehlen,

  • Wenn Sie auf der Suche nach einer unterhaltsam verfassten Geschichte zum Thema sind.
  • Wenn Sie sich für Land und Leute (für die meisten von uns) fremder Weltgegenden begeistern können.

Dieses Buch ist ihnen nicht zu empfehlen,

  • Wenn Sie sich schnell über die wichtigsten Fakten zum Klimawandel (in der Arktis) informieren wollen.
  • Wenn Sie leicht von unhappy ends zu deprimieren sind. (Dann sollten Sie sich aber lieber überhaupt nicht mit dem Klimawandel beschäftigen.)

Platz 2: This Changes Everything

41iid9bps4l

Naomi Klein (2014): This Changes Everything. Capitalism vs. the Climate. London: Penguin Books.

Man mag von Naomi Klein, ihrer Weltsicht und ihrem Schreibstil ja halten, was man will – herausfordernd und auch ein bisschen beunruhigend sind ihre Bücher in jedem Fall. Das trifft uneingeschränkt auch auf ihre Auseinandersetzung mit dem Klimawandel – natürlich durch die Brille der engagierten Globalisierungskritikerin – zu.

Mit der Kritik an der neoliberalen Globalisierung als Ausgangs- und Fluchtpunkt nimmt sie all Jene ins Visier, die aus ihrer Sicht einer Rettung des Weltklimas im Weg stehend. Beginnend bei Politikern wie Thatcher und Reagan, die dem „free-market fundamentalism“ zum Durchbruch verholfen hätten und durch das globale Freihandelsregime einzelstaatliche Förderprogramme für klimafreundliche Technologien erschwerten, über Industrie- und Medienkonzerne, die erfolgreich Zweifel an den wissenschaftlichen Belegen für einen menschengemachten Klimawandel sähen, bis hin zu jedem Einzelnen von uns, der die negativen Konsequenzen seines extraktiven Lebensstils verdrängt oder sich mit falschem Optimismus tröstet.

Das ganze Buch mit über 500 (!) Seiten ist ein emotionaler Appell – und soll genau das sein. Schon in der Einleitung kritisiert Klein die vorherrschende Geisteshaltung des „centrism„: „not getting overly excited about anything„. Die Aufregung kommt bei der Lektüre bestimmt nicht zu kurz, sei es durch haarsträubende Geschichten von Ausbeutung und Benachteiligung von Mensch und Natur, die einen nicht kalt lassen können, sei es durch die pointierte Argumentation der Autorin, die Widerspruch geradezu herausfordert. Am Ende sieht man sich aber kaum in der Lage, das tragende Argument zu widerlegen: Das eines fundamentalen Widerspruchs zwischen den Ansprüchen einer konsumorientierten Marktwirtschaft und der Notwendigkeit, die Ökosphäre zur Bewahrung unserer Lebensgrundlagen zu schützen. Entsprechend appelliert Klein, jetzt die Initiative zu ergreifen, die Wettbewerbslogik zu Gunsten einer globalen Kooperation fallen zu lassen – eine fundamentale Transformation der gesamten Weltwirtschaft, die allerdings sofort vonstatten gehen müsste. Und das soll auch noch machbar sein – Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Dieses Buch ist Ihnen zu empfehlen,

  • Wenn Sie sich Gedanken über die Machbarkeit von Klimaschutzpolitik machen.
  • Wenn Sie dazu eine Lektüre suchen, die zum Nachdenken und Widersprechen herausfordert.
  • Wenn Sie ohnehin ein überzeugter Globalisierungsgegner sind und ein wenig Bestätigung in Ihrer Weltsicht suchen.

Dieses Buch ist Ihnen nicht zu empfehlen,

  • Wenn Sie es gerne kurz und bündig haben.
  • Wenn Sie es gerne pragmatisch haben.

Platz 1: Climate Change. A Very Short Introduction

91a1mg9zxyl-_sl1500_

Mark Maslin (2014): Climate Change. A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press.

Welches Buch sollte an dieser Stelle stehen, außer eines aus der fabelhaften Oxford-Reihe Very Short Introductions. Der Geograph und Klimaforscher Mark Maslin vom University College London bringt nachvollziehbar gegliedert und präzise auf den Punkt, was Fachfremde über den Klimawandel wissen können und sollten:

Dem Buch liegt erkennbar ein anderes Konstruktionsprinzip zugrunde als den beiden weiter oben genannten Überblicksdarstellungen: Es handelt sich nicht um eine Abarbeitung populärer Sorgen und Mythen, sondern um eine wissenschaftliche Monographie, die – an die Bedürfnisse von Laien angepasst – sprachlich und sachlich etwas vereinfacht. Im Zentrum steht dabei die Funktionsweise des Weltklimas und die relativ detaillierte Erklärung von Veränderungen und deren Wirkungen, wobei Maslin auch stets darauf eingeht, wie die Forscher entsprechende Erkenntnisse gewinnen – von historischen CO2-Werten in der Atmosphäre bis hin zur Modellierung künftiger Klimaentwicklungen. Im Kapitel „Climate surprises“ erklärt der Autor auch mögliche Mechanismen, die den prognostizierten Klimawandel abschwächen oder verstärken könnten. Zwischendurch kommt die soziale und politische Seite zur Sprache: Erklärt wird nicht nur, wie der Klimawandel die Aufmerksamkeit erlangte, die er momentan genießt, sondern auch, warum globale Kooperationsansätze zum Klimaschutz bisher scheiterten. Abschließend geht es – natürlich – um mögliche Lösungen, wobei Maslin dankenswerterweise auch darauf eingeht, wie bestimmten unvermeidlichen Folgen des Klimawandels begegnet werden kann – mit dem Hinweis, dass solche Projekte von der Planung bis zur Implementation schon mal gut und gerne drei Jahrzehnte in Anspruch nehmen können. Bemerkenswert an diesem Buch ist, dass es trotz seiner Kürze die klimatologischen Grundlagen in einer erstaunlichen Komplexität vermittelt, wobei der Autor wohl bewusst in Kauf nimmt, dass er dafür bei der soziopolitischen Dimension des Problems etwas oberflächlich bleiben muss.

Dieses Buch ist Ihnen zu empfehlen,

  • Wenn Sie sich einen Tag Zeit nehmen möchten, um sich fundiert über diedem Klimawandel zugrunde liegenden Zusammenhänge zu informieren.
  • Wenn Sie noch ein Mindestmaß an Schulwissen aus Chemie und Physik mitbringen und sich für Klimawissenschaft interessieren.

Dieses Buch ist Ihnen nicht zu empfehlen,

  • Wenn Sie nach etwas sprachlich Unterhaltsamem suchen.
  • Wenn Sie Probleme mit akademischem Englisch haben.

Hinweis: Die Titel verlinken zur Amazon-Seite, auf der das jeweilige Buch erstanden werden kann. Wenn ihr dort das Buch kauft, verdiene ich mich dumm und dämlich. (Ganz nebenbei darf ich auch legal das Cover auf meinem Blog veröffentlichen.) Ich bin euch aber nicht böse, wenn ihr das Buch statt bei Amazon (Sitz in Luxemburg) im lokalen Einzelhandel ersteht und damit beispielsweise der Osianderschen Buchhandlung (Sitz in Tübingen) oder Bücher Pustet (Sitz in Regensburg) ein wenig Umsatz beschert.